Schulstart in der Zeit des Zweiten Weltkrieges

Die Nationalsozialisten entzogen der Apostolischen Administratur nach dem sog. Anschluss 1938 das Paulinum und entließen als nächsten Schritt alle Schüler und Lehrer. Im Juni 1943 absolvierte der zehnjährige Anton Weigl aus Walchsee die Aufnahmeprüfung. Im Herbst 1943 startete er dann nicht im „Paulinum“, sondern in der von den Nationalsozialisten als „Staatl. Oberschule für Jungen mit Schülerheim Michael Gaißmayr“ benannten Einrichtung. Weigl war damals so dünn, dass ein Mitschüler die Sorge äußerte, dass er „in der Mitte auseinanderbreche“. Weigl erinnert sich, dass es in der Schule in der Zeit des Nationalsozialismus immer Kollektivstrafen gab, beispielweise mussten bestrafte Klassen dann zwei Stunden strafexerzieren, die Erzieher nannten es „Sportplatz abstauben“. Davon abgesehen gab es donnerstags fast immer ein Scheibenschießen, was den Buben natürlich allen sehr gefiel. 

Weigl erinnert sich noch daran, dass die Buben in der Schule viel über Sexuelles sprachen. Er selbst sei völlig unaufgeklärt gewesen, während die anderen angeblich schon über alles Bescheid wussten. In den ersten Weihnachtsferien fragte er die Mutter, woher die Kinder kämen, was die Mutter lapidar mit „das wirst du noch früh genug erfahren“ quittierte. 

Im Winter 1944/45 gab es nicht nur die üblichen Weihnachts- und dann Semesterferien, sondern etwas, was als „Kohlenferien“ bezeichnet wurde und von Weihnachten bis Anfang Feber 1945 dauerte. Dann hatten Weigl und seine Mitschüler nur einen Monat Unterricht, bevor die Schul- und Internatsräumlichkeiten zu einem Militärlazarett umgewidmet wurden.

Die Schüler, Lehrer und Erzieher kamen ab 15. April 1945 in drei Hotels am Achensee unter. Kurz vor dem Kriegsende wurden die Schüler, deren Zuhause nahe Pertisau war, heimgeschickt, die restlichen – der öffentliche Verkehr war praktisch schon zusammengebrochen – im Gasthaus Pflandler zusammengezogen. Im nahegelegenen Hotel Alpenhof hatte sich nach der Oberschule eine SS-Einheit einquartiert. Da die Buben keinen Unterricht mehr hatten, waren sie die meiste Zeit bei den Soldaten und sprachen sie auf Süßigkeiten an. Die SS-Männer gaben den Schülern teils ihre Notrationen, aber auch in einer Art Schuhcremedose verpackte Schoko-Kola-Scheiben, einer zusätzlich mit Koffein versetzten Schokolade zur Kreislaufanregung. Auch Alkohol hatten sich ältere Schüler wohl von den SS-Männern organisiert, einen Ballor-Likör. Die Schüler waren entsprechend schon recht angetrunken bis der Heimleiter den restlichen Alkohol konfiszierte – was er selbst damit machte, blieb ein Geheimnis.  

Von einer Nacht auf die nächste waren dann Ende April 1945 die SS-Einheiten weg. Weigl erinnert sich noch, dass er an einem der anschließenden Tage in einen nahegelegenen Kiosk ging, um dort einen Schreibblock zu kaufen. Als er vor den Kiosk trat, stand dort ein US-amerikanischer Jeep, u.a. mit einem afro-amerikanischen Chauffeur – für Weigl die erste dunkelhäutige Person, die er in seinem Leben gesehen hatte. 

Der Lieutenant sprach den Kioskbesitzer darauf an, wo er denn einen Kapitän für die Achensee Schifffahrt finden würde. Er wurde entsprechend gelotst, der Kapitän gab aber an, dass er keine Kohlen für sein Schiff habe. Kurzerhand konfiszierten die Amerikaner genug Kohlen, um das Schiff zu ihren Zwecken einzusetzen. Kurioserweise zogen dann die amerikanischen Soldaten in das Hotel Alpenhof ein, was für die Amerikaner so etwas wie ein Erholungsheim für die noch eben kämpfende Truppe werden sollte. Die Amerikaner sind dann am Achensee zum Vergnügen Schiff gefahren und die Schüler mit ihnen. Diese suchten auch zu den amerikanischen Soldaten näheren Kontakt, um etwa Schokolade „and chewing gum“ zu bekommen. Dabei versuchten sie auch Englisch zu lernen, denn im Schulunterricht selbst war die erste lebende Fremdsprache ab 1943 Italienisch. 

Im Herbst 1945 wurde das Paulinum samt Internat wiedereröffnet und Weigl kam wieder nach Schwaz. Der Pfarrer von Walchsee hatte noch 1943 Weigls Mutter kritisiert, dass sie ihren Sohn in diese „Nazi-Schule“ schicken würde. Nach dem Kriegsende war er mit dem Paulinum aber zufrieden. Weil Weigls letztes Trimesterzeugnis vom Dezember 1944 drei oder vier Genügend aufwies, musste er die 2. Klasse wiederholen, absolvierte aber in der Folge die Klassen immer als einer der Besten. Besonders prägend für den jungen Weigl war Präfekt Otto Feuerstein aus Bregenz, welcher ein Mentor für ihn und zahlreiche andere Schüler werden sollte. 

Mit der Wiedereröffnung waren 54 Schüler am Paulinum in der 2. Klasse, und nur vier davon konnten schwimmen, darunter auch Weigl, weil er am Walchsee aufwuchs und dort schon vor Eintritt in die Volksschule schwimmen lernte. Dem Präfekten Feuerstein war es ein Anliegen, dass alle schwimmen lernten und so wurden das Städtische Schwimmbad neben dem Paulinum, aber auch der Swimmingpool im höhergelegenen Hotel „Hochbrunn“ zum Schwimmunterricht genutzt. Letztlich konnten dann in der vierten Klasse alle Schüler schwimmen.  

Bereits in der 2. Klasse gratulierte Präfekt Feuerstein dem Schüler Weigl als Klassenprimus. Weigl erinnert sich, dass er zumeist ein „Gut“ im Turnen hatte, da ihm einfach die „athletische Ausformung“ fehlte. Der damalige Turnlehrer Prof. Wanitschek galt als strenger Lehrer, bei dem ein „Sehr gut“ schwer verdient war. Weigl bemühte sich aber in der 8. Klasse trotz aller Schwierigkeiten um das sog.  „Österreichische Sport- und Turnabzeichen“. Alle Schüler, die dieses Abzeichen erreicht hatten, bekamen nicht nur ein „Sehr gut“ in Turnen, sondern auch eine kleine Anstecknadel. Letzteres war die eigentliche Motivation für Weigl. 

Weigl erinnert sich ebenfalls an die zweimaligen Sommerlager in Zug bei Lech am Arlberg, 1948 und 1949 war er mit dabei. Dies wurden vom Internat aus organisiert und dauerten jeweils 

 zwei Wochen. Die Schüler wurden dort regelrecht aufgepäppelt und erhielten unter anderem puren Schlagrahm als Nachtisch. Sie sind damals viel Berg gegangen, Weigl erinnert sich an die Lichtspitze, Kriegerhorn und auch die Omesspitze und den Spuler See. 

Die Schulklassen waren in „Pfadfindermanier“ in Gruppen organisiert und es wurden schulische Leistungen, aber auch Selbstbeherrschungstrainings und Pfadfinderwissen, wie etwa Morsen, wettbewerbsmäßig unter den Gruppen beurteilt, was für die jüngeren Schüler oftmals schwierig war. Anton erinnert sich, dass nach 1945 der Altersunterschied in den Klassen bis zu 4 oder 5 Jahre betrug und hier besonders ein Deutschprofessor wenig Fairness gelten habe lassen beim Vergleich eines Deutschaufsatzes von einem 12-jährigen zu einem 16-jährigen Schüler. 

1952 erfolgte schließlich die Matura, an das Datum der schriftlichen Prüfungen erinnert sich Weigl nicht mehr genau. Die mündliche Matura wurde am Paulinum aber sehr spät abgehalten, da der damalige Landesschulinspektor Dr. Rainer, selbst Direktor am Akademischen Gymnasium Innsbruck, bei allen Prüfungskommissionen den Vorsitz übernehmen wollte. Am 14. Juli 1952 begannen die Prüfungen, Weigl erinnert sich deswegen so genau daran, weil gegenüber dem Paulinum auf der anderen Innseite die Franzosen in der ehem. Wehrmachts-Pionierkaserne stationiert waren und am Vorabend zum französischen Nationalfeiertag laut gefeiert haben, was natürlich allen im Internat einen nochmals unruhigeren Schlaf beschert hatte. Die Schlafsäle gingen nämlich damals zum Inn hinüber. Dennoch konnten Weigl und 3 oder 4 Mitschüler die Matura mit Auszeichnung positiv abschließen. 

Die Präfekten waren Weigl in guter Erinnerung, auch weil sie auf den Sommerlagern mit dabei waren, 1948 waren Hermann Lugger und Heinz Sokopf dabei, 1949 Sokopf und Rohringer (ein Haller, der selbst wohl ins Leopoldinum ging). Es waren jedenfalls alles Geistliche, deren Hauptaufgabe darin gesehen wurde, die Schüler auf einen geistlichen Beruf vorzubereiten. 

Den Präfekten Heinz Sokopf, der später Pfarrer in Oberhofen wurde und auf halbem Weg zwischen Mösern und Telfs ein Ferienhaus besaß, sollte Weigl auch wegen dessen Musiktalent in Erinnerung behalten. Sokopf organisierte das Schülerorchester des Paulinums und studierte viele Stücke mit den Schülern ein. Damals gab es am Paulinum noch sehr viel musikalische Ausbildung. Einer von Weigls musikalisch talentiertesten Mitschülern war der spätere Monsignore Prof. Dr. Peter Webhofer 1aus Tristach in Osttirol, den die Mitschüler deswegen „Webhoven“ nannten. Dieser organisierte nämlich auch einen Männerchor in der 7. und 8. Klasse, dem in der Regel acht Personen angehörten. Weigl war hier nie dabei, wenn er auch im Schulorchester ab der 5. Klasse die Querflöte spielte, und bereits vorher ab der 4. Klasse Klavierunterricht bekam.  

Weigl sollte laut seinem Mentor Feuerstein, wenn er schon keinen geistlichen Beruf anstrebe, aufgrund seiner vielseitigen Interessen am besten Volksschullehrer werden, und „kein Fachidiot wie viele Gymnasialprofessoren“. Letztlich sei Feuerstein enttäuscht gewesen, dass Weigl einen Zivilberuf ergriffen hatte. Bei der Maturafeier hatte Weigl seinem Lateinlehrer Prof. Schretter (Anm. Vater des späteren Direktors Dr. Bernhard Schretter) auf entsprechende Nachfrage noch kommuniziert, dass er sich mit der „bloßen Matura“ beim Finanzamt in Reutte oder Kufstein bewerben könne. Prof. Schretter empfahl Weigl, sich auf jeden Fall einen „Posten“ in Innsbruck zu suchen und dann nebenher an der Uni Jus zu studieren. 

Die Mutter hatte aber andere berufliche Pläne für ihren Sohn: „Zum Finanzamt gehst du mir nicht, da mag dich kein Mensch mehr.“ Sie versuchte den Sohn zu vermitteln, unter anderem zur Firma Recheis oder Sparkasse Innsbruck. Die Rückmeldungen waren stets dieselben, dass Weigl ohne den Abendkurs an der HAK mit der Matura allein keine Möglichkeiten in einem Wirtschaftsbetrieb hatte. Die Mutter genehmigte schließlich den Abendkurs. Weigl begann danach bei einer Bank zu arbeiten und absolvierte auch die Bankprüfung. Zudem begann er, eingedenk der Empfehlung Prof. Schretters, parallel mit dem Jurastudium, was die Mutter kommentierte: „Wenn du jetzt anfängst Jus zu studieren, musst es auch fertig machen, weil die am unglücklichsten und mit sich und der Welt am unzufriedensten sind die “Halbg‘studierten“ Letztlich schloss Weigl aber sein Studium erfolgreich ab und wurde auch Vorstandsdirektor in seiner Bank. 


Autor: Christian Lechner (MJ 2006)
Dieser Bericht geht auf ein Telefoninterview mit Dir. i. R. Dr. Anton Weigl (MJ 1952) am 27.03.2026 zurück. 

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Maturaklasse 1952, Anton Weigl steht in der hintersten Reihe als erster von rechts, hinter Dr. Stecher.
Pfingstausflug 1950: Fahrt rund um den Kaiser mit Schwimmen und Rudern am Walchsee.
Präfekt und späterer Bischof Dr. Reinhold Stecher mit seinen Maturanten (Juni 1952).